Am Donnerstag, unmittelbar vor ihrem Heimspiel gegen Göppingen, hat die MT Melsungen die Verpflichtung von Rekordspieler Carsten Lichtlein (über 700 Bundesligaeinsätze) als künftigen Torwarttrainer bekannt gegeben. Derzeit noch in Diensten von GWD Minden, wird der 41-jährige ab der kommenden Saison die Keeper des nordhessischen Handball-Bundesligisten unter seine Fittiche nehmen. Neben Nebojsa Simic und Adam Morawski, der vom polnischen Spitzenclub Wisla Plock zu den Rotweißen stößt, wird sich Carsten Lichtlein auch der talentierten Torhüter aus den MT-Nachwuchsteams annehmen. Im Interview blickt der Weltmeister und zweifache Europameister unter anderem nicht nur auf die Entwicklung auf dieser Spielposition, sondern verrät auch einiges über seine Philosophie in seinem künftigen Job.

Wie hat sich aus deiner Sicht und in der langen Zeit, die Du überblicken kannst, die Torhüterposition entwickelt?
Carsten Lichtlein: Das Handballspiel ist insgesamt im Laufe der letzten Jahre viel athletischer geworden. Das gilt nicht nur für die Feldspieler, sondern auch für die Torhüter. Dabei müssen die sich immer besser auf die Eins-gegen-Eins-Situationen und die daraus resultierenden Durchbrüche der Angreifer einstellen. Gleiches gilt für die Würfe von außen. Dies alles passiert im Laufe eines Spiels mittlerweile wesentlich öfter, als etwa Würfe aus dem Rückraum.

Wobei sich die Torhüter den Würfen ziemlich mutig entgegenwerfen. Ist das ein Beleg für das alte Klischee, dass Torhüter und Linksaußen eher von einer anderen Welt sind, um es charmant auszudrücken?
Lichtlein (lacht):
Ja klar, ein bisschen verrückt muss man sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Bälle heute mit einer viel höheren Geschwindigkeit auf einen zukommen, als dies noch vor ein paar Jahren der Fall war. Aber es muss in diesem Spiel ja auch Verrückte geben, ansonsten könnte es ja gar nicht stattfinden.

Was hälst Du von Neuerungen, die in den letzten Jahren Einzug gehalten haben, wie etwa die, dass die Außen stets völlig unbehindert werfen dürfen?
Lichtlein
: Ja, es kommt fast jedes Jahr eine Neuerung heraus. Und darauf müssen wir uns natürlich auch als Torhüter einstellen. Um beim Beispiel der Außen zu bleiben: War es früher noch legitim, den Winkel für den Werfer durch Druck auf die Hüfte zu verkleinern, ist dies heute nicht mehr erlaubt. Der Außen hat also heutzutage eine vergleichsweise gute Wurfposition. Was es umgekehrt für die Torhüter viel schwerer macht. Das bedeutet, Torhüter müssen sich nicht nur athletisch weiterentwickeln, sondern immer auch um die jeweiligen Regelauslegungen Bescheid wissen.

Was hälst Du von der Regelung “Siebter Feldspieler”, die zu Folge hat, dass der Torhüter dann jeweils raus muss?
Lichtlein:
Das ist auch so ein Grund dafür, dass die Torhüter ihre Athletik verbessern müssen. Hast Du früher die ganze Zeit im Tor gestanden, musst Du jetzt jederzeit in der Lage sein, einen 20-Meter-Sprint zu absolvieren, also schnell vom Feld und schnell wieder ins Tor zurück rennen. Das bedeutet für das Torhütertraining, dass die Grundlagenausdauer mehr Gewicht bekommen muss. Dabei geht es letztlich nicht nur um die Kondition, sondern auch darum, die Konzentration hochzuhalten.

Was sind deine Motive, zur neuen Saison als Torwarttrainer zur MT Melsungen zu gehen?
Lichtlein:
Natürlich möchte ich dazu beitragen, dass die Torhüter und damit  auch die Mannschaft insgesamt möglichst erfolgreich sind. Dabei sage ich ganz klar, dass ich nicht vorhabe, den individuellen Stil, den die Torhüter haben, zu verändern. Das würde keinen Sinn machen. Es gilt vielmehr, die einzelnen Parameter wie etwa Kondition, Schnelligkeit, Reaktion oder Stellungsspiel zu verbessern. Was mir dabei besonders wichtig ist, ist der stetige Austausch mit den Torhütern, bei dem sie Rückmeldungen von mir erhalten, aber auch selbst ihr Spiel reflektieren. Wie wichtig das ist, sehe ich gerade bei der Arbeit in Minden mit meinem Kollegen Malte Semisch (Anmerkung: Beim 32:20-Derbysieg am Sonntag von GWD gegen Lemgo überragte Semisch mit einer Traumquote von 52 Prozent gehaltener Bälle). Der fachliche Austausch mit den Torhütern ist übrigens nicht nur wichtig im Training, sondern gerade auch im Wettkampf. Es vermittelt den Torhütern ein gewisses Sicherheitsgefühl, wenn sie wissen, dass am Spielfeldrand jemand steht, an den sie sich mit ihren speziellen Belangen wenden können.

Schaust Du schon jetzt immer mal mit einem Auge auf die Melsunger Keeper?
Lichtlein:
Ja, das mache ich schon. Ich habe mir letztens sogar im Internet ein Spiel von Morawski angesehen (Anmerkung: Adam Morawski, polnischer Nationaltorhüter, tritt zur kommenden Saison bei der MT die Nachfolge von Silvio Heinevetter an). In dem Spiel hat Wisla Plock gewonnen und Morawski  wurde als bester Torhüter ausgezeichnet. Ich habe ein wenig seinen Stil studiert, mir angeschaut, wie er sich bewegt  und verhält. Natürlich schaue ich mir auch Nebojsa Simic an, wenn es zeitlich passt – zum Beispiel beim Ligaspiel ‘Melsungen gegen Hamburg’.

Wenn Du die Torhüter unter die Lupe nimmst, versuchst Du dann in der anschießenden Arbeit mit ihnen einen Weg zu finden, der zu Ihnen passt? Ansonsten könntest Du ja angesichts Deiner erfolgreichen Vita auch darauf abzielen, dass sie möglichst viel von Dir übernehmen, oder?
Lichtlein:
Nein, das will ich auf keinen Fall. Abgesehen davon würde das auch schon allein wegen unterschiedlicher physischer Voraussetzungen, wie etwa Größe oder Gewicht, nicht funktionieren. Die Torhüter, die Melsungen nächste Saison zur Verfügung hat, sind keineswegs alt, haben aber natürlich längst ihren eigen Stil entwickelt. Da gilt es dann, an einzelnen Stellschrauben zu drehen, um bestimmte Dinge zu verbessern. Das geht im Training aber auch während des Spiels durch eine entsprechende Kommunikation.

Quelle:MT-Melsungen Pressedienst


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